08.03.1940 - 09.03.1940: Wien (0064) (DKA, NL Posse, Hans, I,B-3)

08.03.1940 - 09.03.1940: Wien (0064) (DKA, NL Posse, Hans, I,B-3)
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8. März 40. Denkmalsamt: Listendurch-

sicht.1 - RA.2 Hummer (Ankäufe Morelli)3

1320 Mit Haberstock bei Dr. Dworschak.4

15¾ bei Dr. Ruprecht (Gobelindurch-

sicht). - 1730 bei Staatskomm. Dr.

Plattner (Sicherstellungen usw).5 -

Im Hotel tel. aus Dresden6, tel

mit Dworschak

9. III Albert Pollak. beschlag-

/ nahmt7

Galasso 30 000 Pengö8

 

Silbersammlung Ernst Egger

im Dorotheum.9

 

9. III. Denkmalsamt. - 110 Ksthist. Museum:

Baldass, Grimschitz. Besprechung

mit Dworschak, O regrat Britsch u.

Gallas über R. sche Silbersammlung.10

120 Kunstbesitz Bachstitz beim Spe-

diteur.11 - Im Dorotheum (Silbersammlg

E. Egger.12 - Mit Dr. Zikan im Ratskeller13

 

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  • 1. Gemeint sind vermutlich Wunschlisten der österreichischen ("ostmärkischen") Museen, welche diese bei der Zentralstelle für Denkmalschutz eingereicht hatten.
  • 2. Rechtsanwalt
  • 3. Bei diesem zweiten Treffen mit Rechtsanwalt Arnulf Hummer ging es um Preisverhandlungen für die beiden von Posse gewünschten Gemälde im Besitz von Berta Morelli. Es wurde ein Preis von 70.000,- Reichsmark für das Gemälde "Christus am Ölberg" und ein Preis von 12.000,- Reichsmark für das Gemälde "Die Wiedergenesene" ausgehandelt, wobei ein Teilbetrag in Höhe von 30.000,- Pengő ausgezahlt werden sollte, da sich Frau Morelli in Budapest aufhielt. Nach längeren Verhandlungen mit dem Reichsfinanzministerium wegen der Zuteilung des Pengő-Betrags stimmte Posse am 11. April 1940 zu (s. BArch, B 323/120, Nr. 149, Posse an Hummer, 11.04.1940). Berta Morelli akzeptierte dieses Angebot jedoch nicht, sodass weitere Preisverhandlungen folgten.
  • 4.Karl Haberstock war Anfang 1939 von Hitler mit der Verteilung der beschlagnahmten jüdischen Kunstsammlungen in Wien beauftragt worden und in dieser Funktion zum Gegenspieler von Dworschak geworden, der vom kurzzeitigen Reichsstatthalter in Österreich Arthur Seyß-Inquart bzw. dessen Staatsekretär Kaj Mühlmann mit derselben Aufgabe betraut worden war. In der Folge dieses Machtkampfes wurde Mühlmann entlassen und Posse mit der Verteilung der jüdischen Kunstsammlungen beauftragt (s. Schwarz (2018), S. 17-58). Jetzt versuchte Posse wohl, die beiden Gegner ins Gespräch zu bringen und auszusöhnen.
  • 5.Friedrich Plattner war für die beschlagnahmten und denkmalbehördlich sichergestellten Kunstwerke zuständig. Möglicherweise besprach Posse mit ihm die Situation in den Ländern, insbesondere in Tirol, wohin ihn seinen nächste Dienstreise führte. Posse inspizierte dort am 28. März 1940 das Prämonstratenser-Stift Wilten bei Innsbruck in Bezug auf seine Eignung als Depot für denkmalbehördlich sichergestellte Kunstwerke und sollte an Plattner Bericht erstatten (s. Seite 0072).
  • 6.Posse telefonierte in Dresden vermutlich mit seiner Frau Elise Posse oder mit seiner Vertretung in der Dresdner Gemäldegalerie.
  • 7. Die Kunstsammlung von Albert Pollak war 1939 aufgrund des denkmalbehördlichen Ausfuhrverbotsgesetzes (s. § 4a BGBl. Nr. 80/1923) sichergestellt worden und befanden sich in Verwahrung der Zentralstelle für Denkmalschutz. Posse erfuhr nun, dass Pollaks Vermögen von der Gestapo beschlagnahmt worden war; damit stand die Kunstsammlung für eine kostenfrei Verteilung auf Museen unter 'Führervorbehalt' zur Verfügung.
  • 8. Dies war die damalige ungarische Währung, in der ein Teil des Kaufpreises für die beiden Gemälde "Christus am Ölberg" und "Die Wiedergenesene" gezahlt werden sollte.
  • 9.Herbert Seiberl machte Posse auf die beschlagnahmte Silbersammlung von Ernst und Fanny Egger aufmerksam, die sich zur Verwertung im Dorotheum befand. Er hatte vor, diese unter 'Führervorbehalt' stellen zu lassen, um so eine Verteilung auf die Museen der 'Ostmark' durchführen zu können (s. BDA-Archiv, RestMat., K. 8, M. 11, fol. 4ff., Seiberl an Berg (Ministerium), 16.03.1940).
  • 10.Posse traf sich mit Fritz Dworschak und den Reichstreuhändern für das ehemals Rothschild'sche Vermögen, Oberregierungsrat Walter Britsch und Reichsbankrat Gallas, zur Besprechung über die Silbersammlung von Alphonse Rothschild, die in das Zentraldepot gebracht werden sollte, damit auf sie der 'Führervorbehalt' angewendet und eine Verteilung auf die österreichischen Museen durchgeführt werden konnte (s. auch Seiten 0031, 0032 und 0040). Britsch fasste die Ergebnisse des Treffens in einem Brief an Dworschak zusammen: Es handele sich nicht um Kunstobjekte, sondern um Gebrauchssilber mit Monogramm oder Wappen der Familie Rothschild, die tief eingraviert seien, sodass die Gravuren ohne Beschädigung der Gegenstände nicht entfernt werden könnten (s. BArch, B 323/103, Nr. 221-222, Britsch an Dworschak, 18.03.1940; ebd., Nr. 220, Reichswirtschaftministerium (Landfried) an Bormann, 18.03.1940). Damit war die museale Verwertung der Objekte ausgeschlossen. Posse verzichtete auf die Anwendung des 'Führervorbehalts' und erklärte sich mit der Verwertung des Silbers durch das Reichswirtschaftsministerium einverstanden (s. BArch, B 323/103, Nr. 219, Hanssen an Posse, 30.03.1940; ebd., Nr. 216, Posse an Bormann, 04.04.1940).
  • 11.Posse besichtigte die unter Ausfuhrverbot (s. § 4a BGBl. Nr. 80/1923) stehenden Kunstwerke im Besitz von Kurt Bachstitz, die bei der Wiener Spedition E. Bäuml eingelagert waren. Herbert Seiberl hatte ihn darauf hingewiesen (s. Seite 0023). Posse zeigte Interesse an vier spätmittelalterlichen Skulpturen, entschied sich aber nur für den Ankauf einer oberösterreichischen Holzfigur des Hl. Johannes vom Anfang des 16. Jahrhunderts, für die er Bachstitz ein Angebot von 1.000,- Reichsmark unterbreiten ließ (s. BDA-Archiv, RestMat., K. 10, M. 2, fol. 30, Posse an Seiberl, 13.03.1940). Bachstitz antwortete nicht auf das Angebot, das ihm vermutlich zu niedrig erschien, da er für die vier Skulpturen einen Gesamtpreis von 10.000,- Reichsmark gefordert hatte (s. BDA-Archiv, RestMat., K. 31/1, Personenmappe Stefan Auspitz, M. 2, fol. 14-15, Rechtsanwälte Ernst Gödl und Herbert Gödl an Zentralstelle für Denkmalschutz, 30.03.1940). Der Ankauf kam nicht zustande. Bachstitz versuchte 1943, auf gerichtlichem Wege eine Ausfuhr der Objekte durchzusetzen (s. BDA-Archiv, RestMat., K. 31/1 Personenmappe Stefan Auspitz, M. 2).
  • 12.Posse besichtigte die von der Vermögensverkehrsstelle beschlagnahmte und im Dorotheum zur Verwertung befindliche Silbersammlung von Ernst und Fanny Egger.
  • 13. Eventuell besprach Posse mit Josef Zykan beim Essen im Wiener Rathauskeller den Antrag, den Museen die Gelegenheit zu geben, Silberobjekte zu erwerben, den Zykan am 12. März 1940 an Staatskommissar Friedrich Plattner stellen sollte (s. BDA-Archiv, RestMat., K. 8, M. 5, fol. 67).